MONIKA  ROUSSELLE

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aktuelle Ausstellung

20.10. - 15.11.2015    Unterschleißheim

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Foto: Dieter Michalek

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Besprechung: Süddeutsche Zeitung
  
  
Einführung: Dr. Lothar Altmann
Starke Bilder einer Powerfrau
Einführung zur Eröffnung der Retrospektive am 20.10.2015 im Forum Unterschleißheim

von Dr. Lothar Altmann
Sehr verehrte Frau Rousselle, sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren!

Die gebürtige Frankfurterin Monika Rousselle erhielt nach ihrem Abitur in Garmisch-Partenkirchen ihre künstlerische Ausbildung von 1950 bis 1956 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Hinsichtlich ihrer späteren künstlerischen Gratwanderung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit bzw. ihrer Einbeziehung des Geistig-Seelischen lohnt es sich, einen Blick auf ihre dortigen Lehrer zu werfen. Es waren dies die Maler und Grafiker Walter Teutsch, Ernst Geitlinger und Xaver Fuhr, die den jungen Menschen die Augen für die in Deutschland jahrzehntelang verdrängte Kunst der Moderne öffneten.
Was die Professoren einte; waren die Einstufung ihrer Werke durch das NS-Regime als sogenannte „Entartete Kunst" und damit verbunden ein Berufsverbot ab den Dreißigerjahren. Sie waren' erst nach 1945 wieder in Amt und Würden. Und sie waren Mitglied der „Neuen Gruppe", einer Münchner Künstlervereinigung, die 1946 unter anderem von Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff, Karl Hofer und Willi Baumeister mit aus der Taufe gehoben worden war. Der Expressionist Teutsch lehrte seine Studenten, darunter neben Monika Rousselle etwa auch Walter Habdank, die Betonung der Kontur unter weitgehendem Verzicht auf Raumillussion und Körpermodellierung sowie die Loslösung der Farbe vom Gegenstand, was damals auch schon zu den ersten Holzschnitten Rousselles führte, wenn auch noch in Schwarz-Weiß. Der Karl-Caspar-Schüler Geitlinger war der erste Künstler an der Münchner Akademie überhaupt, der abstrakt arbeitete.
Unverkennbare Spuren im Werk von Monika Rousselle hinterließen auch ihre zahlreichen Reisen, besonders aber ihr fünfjähriger Aufenthalt in Ägypten 1968-1973.

Eines der Schlüsselwerke im Schaffen Rousselles ist charakteristischerweise zwischen Surrealismus und Symbolismus angesiedelt. Es handelt sich um das in einem längeren Zeitraum gereifte Triptychon mit dem Titel „Der Vogel Ba", vollendet 2004. Zu Recht ist es auf der Einladungskarte abgebildet. Ba ist in der altägyptischen Mythologie die Bezeichnung für die Seele eines Menschen, die nach dessen Tod dem Körper entweicht und die Gestalt eines Vogels annimmt. Das wie ein mittelalterlicher Flügelaltar dreigeteilte Ensemble, wahrlich eine „Pittura metafisica", wird von einem Wüstengelb dominiert. Darin schneiden jeweils kleinere Felder in „atmendem" Schwarz, Dunkelblau und Braun oder auch in Weiß ein, überlappen es und bringen es erst richtig zum Leuchten. Dadurch reiht sich dieser Ölgemäldezyklus Rousselles auch in die Kunstform der Farbfeldmalerei ein. Da die kleineren Farbfelder bei Monika Rousselle aber nicht immer streng geometrische Formen, sondern zum Teil auch leicht geschwungene, immer aber scharfe Umrisslinien aufweisen, weckt das Gemälde zugleich auch Assoziationen an Collagen, wie sie von Rousselle auch tatsächlich geschaffen wurden — man denke nur an die Collage „40 Tage" in der 1999 in diesen Räumlichkeiten gezeigten Millenniums-Ausstellung „Überschreitungen". Ja sogar Anklänge an Assemblagen sind spürbar, da in den beiden Flügelbildern je ein kahler Ast gleich einem Objet trouv, einem Fundgegenstand, mit einkomponiert ist.
Mit diesem Ast bekommt die abstrakte Malerei Rousselles eine gegenständliche Komponente, die in der dreimaligen menschlichen Umrissfigur und den beiden Seelenvögeln eine Art Zwischenstufe besitzt. Die Menschenfigur, deren Physiognomie, das heißt Persönlichkeit verblasst ist, erscheint zunächst links als Silhouette wie in einem Schattenbild, ist dann — von der Seele befreit am Tor zum Jenseits stehend — in Auflösung begriffen, um schließlich rechts — ins Negativ, also ins Gegenteil gewandelt — weißstrahlend wieder zu erscheinen. Durch diese Kombination nicht zusammengehörender Grundprinzipien scheint die Darstellung zwar ähnlich wie in Werken des Surrealismus verfremdet, doch ergibt dies hier gemäß dem von links nach rechts zu lesenden Bildthema einen tieferen Sinn: Der Transitus, ja, die Transformatio des Menschen, der von der realen zur transzendentalen Welt übergeht. Er wird von aller Erdenschwere befreit und allem Dunklen geläutert, so dass er ins Jenseits eintreten kann. Im Gegensatz zum Surrealismus ist deshalb das Figürliche hier nicht mehr illusionistisch-raumgreifend angelegt, sondern verbindet sich harmonisch mit den Farbflächen.
Der Kanon, in dem die menschlichen Figuren gestaltet sind, entstammt der altägyptischen Malerei: Er kombiniert die Seiten- oder Profilansicht von Kopf und Unterkörper mit der reinen Vorderansicht des Oberkörpers, wodurch die Gestalt eine stilisierende Feierlichkeit und Allgemeingültigkeit erhält. Ebenfalls ägyptisch muten die beiden Mischwesen aus Vogel und Mensch an, die als Leitmotiv das gesamte CEuvre Rousselles durchziehen.
Wenn wir noch kurz bei den späteren Ölgemälden verweilen, fällt auch an anderen Bildern der Einfluss der Farbfeldmalerei auf. Bis auf wenige rein geometrisch-abstrakte Gemälde weisen aber alle wieder surreal vegetabile oder figürliche Einschlüsse (von zum Teil fast fotorealistischer Wirkung) auf: unheimliche kahle Bäume bzw. Äste oder Arme von Wettläufern, die in der Gestik antiker griechischer Vasenmalerei zum begehrten Lorbeer greifen. Wiederum handelt es sich um Variationen einzelner Themen und Formen, wiederum erzeugen Gegenüberstellungen Spannung in formaler wie inhaltlicher Hinsicht.
Natürlich können auch die früheren Öl- oder Acrylgemälde Monika Rousselles, die nach ihrer Rückkehr aus Ägypten entstanden sind, von altägyptischer Kunst inspiriert sein. Teils erinnern sie aber auch an die psychologisierenden Bilder bzw. Psychogramme von Max Ernst. Genannt sei beispielsweise das Gemälde „Treffpunkt" von 1988, wo ein kahlköpfiger Mann in betont lässiger Haltung, aber ohne sein wahres Gesicht zu zeigen, mit seiner spitzen Schnabelmaske auf das Herz einer ansonsten selbstbewussten Frau zielt, die sich jetzt aber hinter einem Gebirgsbild verschanzt und offensichtlich ihre Standfestigkeit eingebüßt hat, wie der rote Schuh im Vordergrund vermuten lässt. Es handelt sich bei diesen Gemälden meist um gigantische Werke — nicht nur dem Format nach, sondern auch in der archaischen Wucht ihrer Aussage, mit der der Betrachter schonungslos konfrontiert wird. Die Bilder bestechen durch ihren kraftvollen Aufbau, durch die fast graphische Klarheit der Linienführung und durch ihre leuchtenden Farben. Vor allem die Farbe Blau in ihren verschiedenen Tonwerten wird — wie geradezu magisch im Gemälde „Traum in Blau" — zum Träger von Ausdruck. Die Themen sind wiederum oft der Mythologie entnommen und beinhalten die uralten wie unterschiedlichen Verstrickungen des Menschen in sein Schicksal. In den späteren Werken Rousselles wandelt sich die anfänglich dramatische Tonlage dann zum Lyrischen hin.

Anfang der 1990er-Jahre begann Monika Rousselle dann, der Gesellschaft „Spiegelbilder" vor Augen zu halten. Diese (wie schon zur Zeit des Rokoko) aus Gemälden und realen Spiegelgläsern komponierten Environments beziehen den Betrachter in das Kunstwerk mit ein: So kann man in Spiegelsplittern seinen eigenen Leib von Geschossen aus der Maschinenpistole eines maskierten Killers zerfetzt erleben oder auch durch geschickte Spiegelung mit Verwunderung seinen Kopf im Bauch wiederfinden. Visuelles und Visionäres verschmelzen.
Diese im Spiel, in der Aktion erfahrbaren Reflexionsbilder führten schließlich zu Meditationsbildern mit geteilten runden Spiegeln. Es liegt nun ein Schleier über dem goldenen Antikspiegel und taucht das Spiegelbild in mildes, verzauberndes und verklärendes „Sonnen"-Licht. Das fand auch einen Nachklang im Medium der reinen Malerei, wo beispielsweis im Zentrum ein blutroter Feuerball voll Liebe und Leben, der nicht selbstgenügsam in sich ruht, sondern geteilt ist, sich mitteilt und verströmt.

Als weiterer bedeutender Schaffensbereich von Monika Rousselle ist Mitte der 1990er-Jahre, also erst relativ spät, die Wiederaufnahme des Holzschnitts hinzugekommen, diesmal in Form des Farbholzschnitts. Je nach Technik und Farbenart kann die Farbigkeit der Drucke kompakt und kontrastreich-hart wirken, wie wir das von den Expressionisten her kennen, oder auch ein vielfältigeres, nuancenreicheres Kolorit durch die Verwendung lasierender Farben aufweisen, wie dies Monika Rousselle besonders gekonnt beherrscht. Auch hier sind die Motive in einem unwirklichen Zwischenbereich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit angesiedelt. Es sind oft Landschaften in scheinbarer Idylle, die zuweilen wie im Blick aus der Vogelperspektive im Wandel der Tages- und Jahreszeiten erscheinen. Bei genauerer Betrachtung wirkt die Oberfläche der Bilder äußerst lebendig und zuweilen der von Wandmalereien ähnlich: Man erkennt Unebenheiten, Höhen und Tiefen, kann feine und feinste Linien oder Risse, ja sogar die Holzmaserung ausmachen, die in verschiedenen Farben vom Grund aufleuchten. Zum Teil wirken die Drucke wie Vexierbilder, lassen je nach farblicher Gestaltung den Vorder- oder den Hintergrund vortreten. Obgleich bis zu sieben Farbschichten übereinandergedruckt sein können, bleiben auch die Strukturen der unteren Druckschichten sichtbar.
Die nur als Unikate hergestellten Drucke sind spielerisch entstanden, phantasievoll und lassen dem Spiel der Phantasie des Betrachters freien Lauf — was ja auch im Titel dieser Ausstellung aufscheint. Denn waren die Ölgemälde schon in der geistigen Vorstellung der Künstlerin vorgebildet und mussten gewissermaßen einem inneren Zwang folgend danach ausgeführt werden, so ist das Ergebnis bei den Farbholzschnitten bis zu einem gewissen Grad unvorhersehbar, weswegen der Arbeitsprozess bis zur letzten Minute spannend bleibt. Dies beginnt schon mit der Auswahl und der Benutzungsfolge der Druckstöcke: Denn hat sich einmal ein Fundus angesammelt, kann man natürlich auch Teilmotive aus den unterschiedlichsten Kompositionen neu zusammenstellen. Auf diese Weise kann aus dem Nebeneinander von Bildern dann auch die Abfolge einer Geschichte werden. Auch Textilien können zu Druckformen werden.

Die Kunst Monika Rousselles bewegt sich also auf dem schmalen Grat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, kann sich dem Expressionismus, der Farbfeldmalerei, dem Surrealismus oder dem Symbolismus annähern. Und doch obwohl darin viele zeitgenössische Strömungen verarbeitet sind, also eine beeindruckende Vielfalt vorhanden ist, ist Rousselles Stil völlig eigenständig, individuell wie die Persönlichkeit der Künstlerin selbst. So ist beispielsweise für Rousselles Kunst das Kraftvolle in Form und Farbe markant, aber genauso das Phantastisch-Spielerische wie das Hinter- bzw. Tiefsinnige. Es liegt am Betrachter, was er am meisten daran schätzt — und damit seien Sie, verehrte Zuhörer, in die Ausstellung entlassen!


 

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